Digitale Zahlungen sind aus dem europäischen Alltag nicht mehr wegzudenken, ob beim Onlineshopping, im Café oder an der Supermarktkasse. Doch nur wenige wissen, dass hinter vielen dieser Transaktionen nicht europäische, aber vor allem US-amerikanische Anbieter stehen.
Diese strukturelle Abhängigkeit wirft Fragen nach wirtschaftlicher Selbstbestimmung und digitaler Souveränität auf. Wie sehr sind europäische Staaten auf ausländische Zahlungsdienste angewiesen und wie könnten unabhängige Alternativen aussehen?
Digitale Abhängigkeit: Wie US-Zahlungsanbieter den europäischen Markt dominieren
Mehr als die Hälfte des europäischen Kartenzahlungsmarkts wird von Visa und Mastercard kontrolliert, in manchen Regionen Europas sind es sogar bis zu 80 Prozent. Diese dominierende Stellung verschafft den beiden US-Konzernen eine feste Rolle in der digitalen Infrastruktur des Zahlungsverkehrs. Auch im Bereich der Onlinezahlungen führt kein Weg an amerikanischen Diensten vorbei. In Deutschland liegt der Marktanteil von PayPal bei 28,5 Prozent. Europaweit greifen neun von zehn Menschen bei Mobile Payment auf diesen Anbieter zurück. Selbst bei leicht sinkenden Zahlen bleibt PayPal fest im Alltag der Konsumenten verankert.
Insgesamt kommen Visa und Mastercard auf über 1,2 Billionen US-Dollar Börsenwert. Gleichzeitig fehlt in 13 EU-Ländern ein eigenes Kartenzahlungssystem. Europäische Alternativen sind damit oft nicht verfügbar, was die strukturelle Abhängigkeit verschärft. Darüber hinaus sichert sich diese Anbietergruppe umfassenden Zugriff auf Konsumdaten, Zahlungsströme und Händlerprozesse. Durch geschlossene technische Systeme verdienen sie an jeder Transaktion mit und beeinflussen langfristig ganze Marktstrukturen in Europa.
Gefahr für die Souveränität: Risiken einer transatlantischen Zahlungsinfrastruktur
Jeder Klick, jede Zahlung, jedes Produkt führt als Spur zurück in die USA. Denn hinter vielen digitalen Transaktionen in Europa stehen amerikanische Plattformen, deren Kontrolle über den Zahlungsverkehr längst zum geopolitischen Spielball geworden ist. Die EZB schaut besorgt auf digitale Infrastrukturen, die außerhalb europäischer Reichweite liegen. Denn mit jeder Zahlung wandern Beträge und auch sensible Metadaten, wie Zeit, Ort und Konsumverhalten. Sie alle liegen gesammelt auf Servern außerhalb der EU. Diese Abhängigkeit erschwert regulatorische Zugriffe und schwächt langfristig die finanzielle Eigenständigkeit Europas.
Christine Lagarde spricht in diesem Zusammenhang nicht von Verboten, sondern von der dringenden Notwendigkeit, politische Eigenständigkeit zurückzugewinnen, auch im digitalen Raum. Dass ihre Worte auf Social Media fälschlich als Kampfansage an US-Anbieter dargestellt wurden, ist irreführend. Für sie sind solche Prozesse ein klares Signal.
Wo einseitige Abhängigkeiten bestehen, droht schließlich wirtschaftliche Erpressbarkeit. Denn bleibt Europa passiv, verfestigt sich ein geopolitisches Konfliktpotenzial, das weit über technische Fragen hinausgeht und zur Dauerbaustelle europäischer digitaler Infrastrukturen wird.
Herausforderungen auf dem Weg zu digitaler Souveränität
Von unterwegs schnell per Smartphone zahlen oder online mit wenigen Klicks den Einkauf abschließen? Moderne Nutzer erwarten heute flexible Zahlungsmöglichkeiten, die sofort funktionieren und sich nahtlos ins Mobile Payment einfügen. Gleichzeitig gewinnt der Wunsch nach sicheren Zahlungsmöglichkeiten an Bedeutung, vor allem wenn Zahlungen grenzüberschreitend und ohne Risiko ablaufen sollen.
Doch genau hier treffen Alltag und Realität oft auf Hürden. Besonders im Online-Glücksspiel wird deutlich, wie komplex das Verhältnis zwischen Regulierung und Zahlungsfreiheit ist. Viele Nutzer wünschen sich keine Limitierungen bei Zahlungen, denn sie möchten möglichst unabhängig und frei spielen. Kunden sind im Bereich digitaler Payments anspruchsvoll geworden. Besonders im Glücksspielbereich erwarten sie flexible Lösungen, die zugleich rechtlich abgesichert sind.
Ein solcher Spagat zwischen Freiheit und Schutz braucht klare Spielregeln. Datenschutz, faire Zuständigkeiten und Mechanismen zur Missbrauchsprävention sind dabei entscheidend. Erste Ansätze gibt es bereits. Neue EU-Vorgaben setzen etwa auf Echtzeitüberweisungen und die Funktion „Verification of Payee“, um den Verbraucherschutz aktiv zu stärken. Langfristig aber kann digitale Souveränität nur dann entstehen, wenn regulierte Zahlungsmethoden konsequent an die Lebenswirklichkeit der Menschen angepasst werden.
Regulatorische und politische Hebel für mehr europäische Zahlungsautonomie
Manchmal kommt Bewegung erst durch klare Vorgaben. Ab Oktober 2025 müssen Banken in der EU flächendeckend Sofortüberweisungen anbieten. Diese Vorschrift soll nicht nur Tempo in die Märkte bringen, sondern auch die Abhängigkeit von US-Anbietern verringern. Dasselbe gilt für die neue PSD3-Richtlinie. Sie stärkt den Verbraucherschutz, setzt auf mehr Transparenz und gibt Menschen mehr Kontrolle über ihre Finanzdaten.
Das Ziel ist eine fairere und selbstbestimmte Zahlungslandschaft, die europäischen Standards folgt. Gemeinsam zeigen diese Schritte, in welche Richtung sich die EU entwickelt, nämlich hin zu einem Finanzsystem, das weniger anfällig für äußere Einflüsse ist. Ein Blick nach Russland zeigt, was möglich ist, wenn Zahlungsdienste im eigenen Land gesteuert werden. Auch Europa will mit solchen Reformen auf mehr digitale Resilienz setzen, Schritt für Schritt und gesetzlich verankert.
Europa will nicht länger zuschauen, sondern eigene Wege im Zahlungsverkehr gehen. Mit der Gründung der European Payments Initiative (EPI) im Jahr 2020 haben 16 große Banken und Zahlungsdienstleister, darunter Deutsche Bank, ING, BNP Paribas und Unicredit, ein starkes Signal gesendet. Ziel ist eine europäische Zahlungslösung, die nicht länger auf außereuropäische Plattformen angewiesen ist. Das gemeinsame Anliegen besteht darin, bestehende Systeme wie iDEAL, BLIK und Payconiq in einem einheitlichen digitalen Wallet zu bündeln. Herausgekommen ist „Wero“, die erste praktische Umsetzung der EPI, die im Juli 2024 in Deutschland, Frankreich und Belgien gestartet ist.
Technisch basiert Wero auf vernetzten lokalen Systemen. Zahlungen werden dabei direkt und in Echtzeit zwischen Bankkonten abgewickelt, ganz ohne Drittanbieter. Das macht den Zahlungsverkehr effizienter und verringert externe Abhängigkeiten. Längerfristig geht es um mehr als Bequemlichkeit. Mit Wero entsteht ein Modell für digitale Resilienz, das Europas finanzielle Souveränität stärkt. Gerade im boomenden Mobile Payment könnte es zur Basis für echte digitale Zahlungsautonomie werden.
Neue Wege oder alte Abhängigkeit? Der lange Atem europäischer Zahlungslösungen
Europäische Zahlungslösungen wie Wero konnten zwar bereits 43 Millionen Nutzer gewinnen, bleiben aber geografisch begrenzt. Derzeit nehmen nur Banken aus fünf Ländern teil. Trotzdem geht es weiter. Seit 2025 ermöglicht Wero E-Commerce-Zahlungen, 2026 folgen Bezahllösungen für den Einzelhandel sowie Funktionen wie Aboverwaltung und Bonusprogramme.
Der digitale Euro soll diese Entwicklung ab 2029 ergänzen. Zusammen könnten sie das Rückgrat digitaler Eigenständigkeit bilden. Der Mobile-Payment-Markt in Europa wächst aktuell mit 28 Prozent jährlich, bis 2029 rechnen Experten mit einem Umsatz von 370 Milliarden Dollar. Damit wird klar, dass der Zahlungsmarkt dringend skalierbare, europäische Alternativen zu den globalen Platzhirschen braucht.
Doch es bleibt ein Wettlauf gegen die Zeit. Geringe Markenbekanntheit und fehlendes Vertrauen in neue Systeme bremsen den Fortschritt. Gleichzeitig steigen die Erwartungen, denn der Handel fordert Tempo, faire Gebühren und Nutzerfreundlichkeit auf US-Niveau. Wenn Europa in Sachen Technik mithalten will, darf es sich keine langen Pausen mehr erlauben.


